VON DER KLEINSTADT IN DIE METROPOLE

5 Jahre ist es nun schon her. 5 Jahre seitdem ich mit 17 jungen Jahren den großen Schritt gewagt habe aus meiner gewohnten, heimischen Kleinstadt, die ich damals allerdings gehasst habe müsst ihr wissen, in die große, unbekannte Metropole Frankfurt zu ziehen. Na gut, nicht direkt nach Frankfurt, aber in eine Stadt in unmittelbarer Nähe von Frankfurt am Main. 

Aufgewachsen bin ich im – wie ich heute finde – schönen Bayern, in einer Kleinstadt, in der jeder so ziemlich jeden kennt. In der man ohne Auto aufgeschmissen ist, in der man zum shoppen kilometerweit in die nächst größere Stadt fahren muss, in der man mit dem Rad die ganze Stadt erkunden kann. Eine Kleinstadt, in der man beruflich gesehen nicht sonderlich viel Auswahl hat, aber eine gewisse Auswahl gibt es – wie ich heute weiß – eben doch. Früher habe ich alles in Bayern, in meiner Heimatstadt gehasst. Ich habe die Umgebung, die Natur, das viele Grün gehasst. Ich habe die unfreundlichen, egoistischen Menschen mit ihrem bayrischen Dialekt, den ich manchmal gar nicht richtig verstanden habe, weil meine Eltern kein bayrisch sprechen, gehasst. Ich habe es gehasst nirgends ohne Auto hinzukommen, immer auf jemanden angewiesen zu sein. Ich habe einfach alles gehasst um das mal ehrlich zu sagen. Für mich stand schon mit frühen Jahren, ich glaube als ich ca. 13 Jahre alt war, fest, dass ich dort niemals bleiben möchte und das ich die erste Möglichkeit wegzuziehen nutzen möchte. Versteht mich nicht falsch, ich liebe meine Mädels und meine Familie über alles, aber ich habe das Landleben so gehasst. Ich war jahrelang unglücklich und habe mich einfach unwohl und nicht zuhause gefühlt. 

So war meine Entscheidung nach Hessen, zu meinem Freund, zu ziehen ziemlich schnell gefallen. Sonst hätte ich noch 3 Jahre Fernbeziehung ertragen müssen und das wäre mir wohl schwerer als alles andere gefallen. Zumal ich beruflich hier in Hessen genau das machen konnte, was ich wollte. Der Umzug stand also schnell fest, war für meine Freunde und Familie aber natürlich ein riesen Schock und ein schwerwiegendes Ereignis, war ich zu diesem Zeitpunkt schließlich erst 17 Jahre jung. Für mich war der Umzug natürlich auch nicht leicht, im Gegenteil! Ich hänge sehr an meiner Familie und auch an meinen Mädels, aber ich habe diesen Umzug einfach gebraucht. Für mich. Auch wenn es definitiv schwer gefallen ist, so wurde es doch auch einfach Zeit mal an mich zu denken

Dennoch war der Umzug natürlich ein absoluter Kulturschock und eine riesengroße Veränderung. Aus der heimischen bayrischen Kleinstadt in das große vielfältige, laute, kunterbunte Rhein-Main-Gebiet. In Bayern ist alles so „eingefahren“. Wisst ihr was ich meine? Jeder kennt jeden, was definitiv viele Vorteile, aber auch viele Nachteile hat. Hier, im Rhein-Main-Gebiet kannte mich niemand und ich kannte niemanden. Was für mich anfangs sehr schwer, aber auch sehr schön war. Musste ich mich für nichts rechtfertigen oder entschuldigen, ich war auf niemanden angewiesen, musste auf keine Bedürfnisse und Wünsche achten und Rücksicht nehmen, außer auf meine. Ich konnte sein wie ich wollte, meine Freizeit gestalten, wie ich es wollte. Ich konnte machen was ich wollte ohne auf irgendjemanden achten zu müssen. Und heute weiß ich, dass ich genau das gebraucht habe um zu mir selber zu finden. Um im Leben anzukommen und meine Ziele und Wünsche festlegen zu können. 

Der Umzug war definitiv nicht immer leicht, im Gegenteil. Ich war oft von Heimweh geplagt und hätte manchmal gerne einfach alles über Bord geworfen, meine Taschen gepackt und wäre wieder zurück gezogen. Aber aufgeben war keine Option. War es für mich noch nie. Wenn ich etwas anfange, dann ziehe ich das auch durch. Die ersten Jahre waren wirklich alles andere als leicht, aber seit wir Ende 2017 in unsere erste eigene Wohnung gezogen sind und seitdem wir unseren Hund seit August letzten Jahres haben ist einfach alles wunderbar. Heute, 5 Jahre nach meinem Umzug, weiß ich alles, was ich im Leben jemals hatte und noch immer habe so zu schätzen. Heute liebe ich Bayern und die schöne Natur, die idyllische Umgebung, die Ruhe. Ich freue mich jedes Mal riesig, wenn wir in meine Heimatstadt fahren um Freunde & Familie zu besuchen. Heute weiß ich es zu schätzen, dass in der Heimatstadt jeder jeden kennt, denn so hat man immer sofort jemanden, der da ist, wenn man Hilfe braucht oder einfach Gesellschaft möchte. Heute weiß ich, dass die Menschen in Bayern nicht egoistisch oder unfreundlich sind, sie sind einfach sehr in sich gekehrt und manchmal unsicher von Fremden begrüßt zu werden, doch freuen sich die meisten tatsächlich darüber. Heute weiß ich, dass ich die besten Freundinnen habe, die man sich nur vorstellen kann, denn trotz meiner damaligen Entscheidung, einigen Hürden und Tiefen die damit verbunden waren und der Entfernung, sind wir immer noch die besten Freunde und werden es hoffentlich auf ewig bleiben. Heute weiß ich, dass ich die 5 Jahre in der Großstadt gebraucht habe um erwachsen zu werden. Dass ich selbstständig, unabhängig sein möchte, dass ich das für mich und meinen inneren Frieden brauche. Natürlich habe ich heute einen Führerschein und könnte auch in meiner Heimatstadt mit einem Auto wunderbar zu recht kommen. Aber würde mich das heute auf Dauer gesehen glücklich machen? Ich weiß es nicht. 

2017 wäre ich sofort zurück nach Bayern gezogen, weil ich dachte ich würde hier niemals glücklich werden und meinen Frieden finden. Doch heute sehe ich das anders. Ich vermisse meine Familie und Freunde natürlich sehr, aber 300km sind nicht die Welt. Und Fakt ist auch, dass man sich in 5 Jahren definitiv ein neues Leben aufgebaut hat.. Man gewöhnt sich an die Umgebung, an die Orte, an die Geschäfte, an die Öffis, an die Landschaft, an die Luft, an den Dialekt, an die Menschen, an die Sehenswürdigkeiten, an all die bekannten Gesichter. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann habe ich mich so an die Ruhe hier gewöhnt. An das alleine sein. An die Zeit, die ich für mich habe. Heute weiß ich, dass ich ein sehr introvertierter Mensch bin, der viel Ruhe und Zeit für sich selber braucht, um im Einklang zu sein, um inneren Frieden zu finden und um Kraft tanken zu können. Das hat früher niemand verstanden. Immer waren alle genervt, wenn ich lieber zuhause bleiben wollte anstatt was zu unternehmen. Wenn ich Zeit für mich gebraucht habe um klar zu kommen mit der Welt. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, der schnell gestresst und überfordert ist und gerade dann brauche ich ganz dringend ganz viel Zeit für mich um runter zu kommen, um wieder neue Kraft schöpfen zu können. Heute weiß ich, dass ich einfach so bin. Dass ich diese Zeit für mich und mit mir brauche.

Die ersten Jahre habe ich es gehasst kaum bis gar keine Freunde in Hessen zu haben, doch heute weiß ich, dass das gar nicht so verkehrt war, weil ich mich dann wohl oder übel mit mir selber auseinandersetzen musste, ob ich nun wollte oder nicht. Hatte ja sonst eh nicht viele andere Optionen. So habe ich über Monate, gar Jahre hinweg, mit mir selber gekämpft um mittlerweile, letzten Endes, endlich Frieden zu finden. Ich bin im Reinen mit mir, habe meinen Weg zu mir selber gefunden und das ist so so wichtig. Und das in so jungen Jahren bereits geschafft zu haben, das bedeutet mir so viel und das weiß ich so zu schätzen

Ich bin so dankbar für alles, was ich in den letzten Jahren erlebt habe. Für all die negativen Erfahrungen, durch die ich nur noch selbstbewusster und stärker geworden bin, aber natürlich auch für all die schönen Momente, die meine Seele so glücklich machen. Ich bin dankbar für jeden Ausflug, jeden Urlaub, jede gemeinsame Zeit, jede ruhige Minute, jedes Abenteuer, jeden Spaß, jedes Lachen, jedes Weinen, ich bin dankbar für alles. Ich weiß, dass ich Freunde und Familie habe, die immer hinter mir stehen werden, die alles was ich mache unterstützen und akzeptieren. Die zwar nicht immer jede Entscheidung gut finden oder nachvollziehen können, aber dennoch immer für mich da sind und sich die Zeit für mich nehmen. 

Mittlerweile wohne ich so so gerne hier. Es ist einfach so schön, seine eigenen vier Wänden zu haben, alles so einrichten und gestalten zu können wie man möchte, der Herr des Hauses zu sein. Wir wohnen zwar in einer Großstadt, aber dennoch in einem grünen, ruhigen Stadtteil. Und das ist erst herrlich! Wir sind in 2 Minuten am Mainufer, wo es einfach wunderschön ist und wo man ausgiebige Spaziergänge mit Hund und Freund unternehmen kann, wir haben viele Wanderwege, Wälder und Spaziermöglichkeiten in näherer Umgebung und vor allem haben wir alles wichtige um die Ecke. Man ist in wenigen Minuten mitten in Frankfurt oder am Flughafen oder in meinem liebsten Tattoostudio. Wir haben sogar einige Nachbarländer in näherer Umgebung wo man wunderbare Wochenendtrips machen kann, um einfach mal einen Tapetenwechsel zu bekommen. Wir wohnen in einer ruhigen, grünen Gegend, kommen aber dennoch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln (oder mit dem Auto) optimal überall hin und man hat alle wichtigen Geschäfte und Einkaufszentren direkt vor der Nase. Und daran habe ich mich so gewöhnt und das gefällt mir hier auch einfach so so gut. Dieser Mix aus Großstadt-Chaos und Kleinstadt-Idylle. 

Heute weiß ich, dass der Umzug nach Hessen womöglich das beste war, was mir hätte passieren können. Heute weiß ich, dass ich angekommen bin. Wer weiß wohin mein Weg mich noch führen wird, ich bin schließlich noch jung und habe noch viel vor mir, aber ich glaube, hier möchte ich bleiben. 

3 Comments

  • Liebe Alina,

    schön zu lesen, dass du dich so wohl fühlst. Ich finde es gibt nichts Wichtigeres …. Es ist auch unglaublich interessant zu sehen, wie man sich im Laufe der Zeit verändert, wie man sich entwickelt, wie man aus Fehlern lernt etc. pp.

    Ich persönlich hätte früher alles dafür gegeben, in eine Großstadt zu ziehen. Zuerst zog es mich ja bekanntlich nach New York und ich spielte mehr als einmal mit dem Gedanken „for good“ dort hin zu ziehen. Dann habe ich mich für ein Studium im Osten Deutschlands entschieden. Ich zog also 450 km weit weg, wo ich erst mal anfing zu studieren und ich fand es schrecklich. Nicht nur das Studium, sondern auch die Stadt, in der ich wohnte. Erst da wurde mir bewusst, wie schön meine Heimat ist und wie gerne ich dort lebe und wie wichtig es ist, nicht einfach nur irgendwo in einer Stadt zu leben, weil man glaubt, man gehöre dort hin, sondern dass es viel wichtiger ist, sich wohl und irgendwie zu Hause zu fühlen.

    Ich bin dann letztendlich wieder zurückgezogen, auch weil es mit dem Studium wie gesagt nichts wurde und bin wirklich unglaublich froh drüber. Ich kann mir zum heutigen Zeitpunkt nicht vorstellen ,woanders zu leben, zumindest nicht für immer. Ich würde total gerne mal ein Jahr dort leben, ein halbes Jahr woanders, dann noch mal ein paar Monate an einem anderen Ort – aber ich bin froh, dass meine Homebase dort ist, wo sie nun mal ist.

    Frankfurt finde ich übrigens richtig toll, für mich ist es das Manhattan Deutschlands haha mein Patenonkel wohnt dort, früher waren wir so oft in Frankfurt. Meinen Onkel zieht es jetzt tatsächlich aber auch wieder zurück in die Heimat und er hat bei uns in der Nähe jetzt ein Grundstück gekauft, um dort zu bauen 🙂 Man sollte einfach immer auf sein Herz hören.

    Liebste Grüße
    Ivy

  • Hallo Alina!

    Total bewegend der Blogartikel und ich weiß absolut und ganz genau was du mit den bayrischen Leuten am Land meinst! Kann dich da total fühlen! Bitte mehr aus deinem Inneren ♥️

    PS: Ich glaube du meinst oben statt „extrovertiert“ wohl „introvertiert“ oder? Nicht, dass das für Verwirrung sorgt 😉

    • Liebe Tanja,
      ich danke dir für deine lieben Worte =)
      Tatsächlich hat es so so gut getan auch mal über
      das Innere befinden zu schreiben. Vielleicht mache
      ich das in Zukunft wirklich öfters.
      Liebe Grüße <3

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